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Hüttentrekking im Karwendel: Traumhafte Mehrtagestour für Einsteiger und Fortgeschrittene

Die Temperaturen steigen, der Schnee schmilzt und gedanklich kann man sich so langsam schon wieder auf die ersten Bergtouren einstellen. Eine meiner absoluten Lieblingsregionen in den Alpen ist das Karwendelgebirge mit seinen wunderschönen Tälern und schroffen Gipfeln. Nachdem ich das Karwendel bei meiner Alpenüberquerung vor zwei Jahren einmal von Norden nach Süden durchquert habe, wollte ich die Gebirgsregion im vergangenen Sommer zusammen mit ein paar Freunden aus Hamburg etwas ausführlicher erkunden. Da meine Freunde über keinerlei Bergerfahrung verfügten, war ich bei der Konzeption der Tour darauf bedacht, dass die Etappen grade am Anfang eher einfach sind, damit wir uns sowohl in konditioneller als auch in technischer Hinsicht erstmal locker eingehen können. Andererseits wollte ich meinen Freunden aber auch ein paar hochalpine Erfahrungen ermöglichen, da das für mich der Teil ist, der am meisten Spaß macht. Zu diesem Zweck habe ich die Überschreitung des Karwendelhauptkamms und die Besteigung der Birkkarspitze in die Route eingebaut. Ich denke, dass sich die Tour sowohl für ambitionierte Anfänger, die sich erstmals an schwarze Bergwegen herantrauen wollen, als auch für erfahrene Berggeher sehr gut eignet, da sie sich ziemlich gut an die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten anpassen lässt. So lassen sich die einfachen Etappen am Anfang durch Gipfelabstecher spannender gestalten und die schwerste Etappe lässt sich einfach umgehen.

In der nachfolgenden Tourenbeschreibung gebe ich einen groben Überblick über die Route. Für die genaue Orientierung ist eine Karte mitzunehmen. Ausreichend ist die Kompasskarte Nr. 26 “Karwendelgebirge” in 1:50.000. Detailreicher sind die Alpenvereinskarten im Maßstab 1:25.000. Im Allgemeinen erleichtert die hervorragende Beschilderung die Wegfindung erheblich.



Ausgangspunkt: Pertisau

Der Ausgangspunkt der Tour ist Pertisau am Achensee. Der Ort ist wunderschön gelegen, quillt im Sommer aber vor Touristen über. Auch wenn man aus dem Trubel so schnell wie möglich in die Berge flüchten will, sollte man es sich aber nicht nehmen lassen, vorher noch einmal schnell in den Achensee zu springen! Pertisau ist mit Bus und Bahn gut zu erreichen. Bei einem rechtzeitigem Aufbruch lässt sich selbst bei einer Anreise aus Norddeutschland die erste Tagesetappe noch am Anreisetag absolvieren, wobei man natürlich darauf achten muss, einen ausreichenden Zeitpuffer bis zum Sonnenuntergang zu haben.

Tag 1: Aufstieg zur Lamsenjochhütte (4 h, 1000 hm Aufstieg)

Die erste Etappe führt von Pertisau zur wunderschön gelegenen Lamsenjochhütte am Fuß der Lamsenspitze. Zunächst führt der Weg vom Ortszentrum Pertisau zur Mautstation am Eingang zum Falzthurntal. Bis hierhin fragt man sich am besten durch oder konsultiert Google Maps. Von dort geht es immer taleinwärts, umgeben von schönen Almwiesen und einem herrlichen Bergpanorama, zunächst an der Falzthurnalm und dann an der Gramaialm vorbei. Der Weg wird immer schmaler und gegen Ende zunehmend steil. Er ist aber weder sonderlich schwer zu gehen, noch wirklich ausgesetzt. Alles in allem einfaches Gehen vor einer tollen Kulisse. Geist und Körper jubeln, endlich wieder in den Bergen zu sein!

 

Tag 2: Zur Falkenhütte (ohne Gipfel 4,5 h, 700 hm Aufstieg, 800 hm Abstieg)

Am Tag 2 geht es von der Lamsenjochhütte zur Falkenhütte. Bevor es losgeht, kann man jedoch einen “Abstecher” auf die Lamsenspitze (2508 m) machen, sofern man bereits über ausreichend Bergerfahrung verfügt. Die Bezeichnung “Abstecher” trifft die Sache auch nicht ganz, denn die Tour auf die Lamsenspitze ist mit rund 550 hm Auf- und Abstieg und einer Gehzeit von etwa 5 h ein ernsthaftes Unterfangen, das viele als eigenständige Tagestour betrachten würden. Für hartgesottene, denen die 4,5 h Übergang zur Falkenhütte zu entspannt sind, lassen sich der Gipfel und der Übergang jedoch vereinen (früh aufstehen!). Auf die Lamsenspitze gibt es zwei Wege, einmal über einen Klettersteig (Klettersteigausrüstung erforderlich) oder über einen schwarzen Steig, der nach Auskunft des Hüttenwirts für Anfänger nicht zu empfehlen ist.

Da es für meine Hamburger Bergkameraden das erste mal in den Alpen war und wir den zweiten Tag nicht gleich mit einem konditionellen Armageddon überfrachten wollten, haben wir die Lamsenspitze ausgelassen. Stattdessen haben wir am Fuß der Lamsenspitze einen kleinen Crashkurs in Gehtechnik gemacht und in dem großen Geröllfeld vor der Hütte das Abfahren im Geröll geübt.

Der Übergang zur Falkenhütte ist relativ unspektakulär und technisch nicht anspruchsvoll. Zunächst geht es auf einem Steig hinüber zum westlichen Lamsenjoch und von dort überwiegend auf breiten Wegen über die Binsalm in die Eng. Je weiter man absteigt, desto häufiger begegnet man auch wieder Tagestouristen und die am Vortag aufgekommenen alpinen Gefühle flachen wieder leicht ab. So hat die Tour für mich auch am großen Ahornboden ihren “emotionalen” Tiefpunkt erreicht. Der große Ahornbaden ist zwar wunderschön, aber zu ihm werden Busladungen von Touristen gekarrt, so dass es in seinem Umfeld ziemlich unentspannt ist. Wir sind aus diesem Grund schnell weiter. Auf kleineren Wegen und Pfaden beginnt der Aufstieg zur Falkenhütte, von der man einen fantastischen Blick auf den Karwendelhauptkamm hat. Mit unserem etwa zweistündigem Crashkurs am Fuß der Lamsenspitze waren rund 6,5 h unterwegs und froh, als wir die Falkenhütte im strömenden Regen erreicht hatten.

Tag 3: Zum Karwendelhaus (3,5 h, 400 hm Aufstieg, 500 hm Abstieg).

Vor dem kräftezehrenden Übergang vom Karwendelhaus zur Halleranger Alm am Tag 4 steht am Tag 3 Erholung auf dem Programm. Die reine Gehzeit zum Karwendelhaus beträgt nur 3,5 h, was zu einer langen Mittagspause einlädt und Zeit zum Fotografieren lässt. Da uns 3,5 h aber doch einen tick zu entspannt gewesen wären, haben wir von der Falkenhütte erstmal den unschweren Mahnkopf (2094 m) bestiegen (45 min, 250 hm Aufstieg), der dem Karwendelhauptkamm vorgelagert ist, so dass man vom Gipfel eine wunderschöne Aussicht auf die schroffen Nordwände des Gebirgszugs hat. Vom Gipfel sind wir nicht wieder zurück zur Falkenhütte, sondern nur bis zum Ladizjöchl, von dem wir anfangs auf einer undeutlichen Wegspur, später einfach querfeldein zur Ladizalm traversiert sind. Von der Ladizalm geht es auf breiten Wegen Richtung kleiner Ahornboden. Dabei gilt es, die Augen aufzuhalten: Nach einiger Zeit gibt es eine Möglichkeit, von dem breiten Weg auf einen wunderschönen kleinen Pfand nach links abzubiegen, so dass man letztlich einsam am Fuße der Kaltwasserkarspitze und der Birkkarspitze entlang wandert. Karwendelfeeling Pur! Dabei bieten sich wirklich einmalig schöne Rastmöglichkeiten! Vom kleinen Ahornboden geht es dann schließlich wieder auf breiteren Wegen bis zum Karwendelhaus, das zwar recht groß und stark frequentiert ist, aber dennoch eine sehr urige und äußerst nett geführte Alpenvereinshütte ist.

Tag 4: Zur Halleranger Alm (8,5h, 1550 hm Aufstieg, 1550 hm Abstieg)

Am Tag 4 steht die sowohl technisch als auch konditionell anspruchsvollste Etappe der Tour an. Absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind conditio sine qua non. Ziel ist die Überschreitung des Karwendelhauptkamms mit Besteigung der Birkkarspitze, dem höchsten Gipfel des Karwendels, um dann zur wunderschön gelegenen Halleranger Alm zu gelangen. Solltet ihr euch schwarze Bergwege nicht zutrauen, lässt sich der Hauptkamm auch umgehen. Hierzu wandert man vom Karwendelhaus auf dem E4 Alpin Richtung Scharnitz, biegt dann aber vor Scharnitz nach links auf den Karwendelsteg, von dort zum Wiesenhof und ab dort auf dem 224 bis zur Kastenalm, wo man sich mit dem Normalweg wieder vereint.

Auf dem Normalweg geht es hingegen durch das Schlauchkar auf den Schlaukarsattel. Das Geröll im Kar geht sich überraschend gut und macht kaum Schwierigkeiten – jedenfalls sofern man seine Schritte platziert setzt. Kurz vor dem Schlauchkarsattel wird es zunehmend steiler und man muss auch mal die Hände zur Hilfe nehmen. Sonderlich ausgesetzt ist es jedoch noch nicht (ist natürlich Ansichtssache). Was man nicht unterschätzen sollte, ist allerdings die Steinschlaggefahr (gilt auch für den Abstieg). Als ich die Tour zur Hallerangeralm vor zwei Jahren schon einmal gegangen war, hat mich fast einer erwischt. Manche empfehlen daher auch die Mitnahme eines Helms. Ich finde es geht noch ohne, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Jedenfalls sollte man sowohl beim Auf- als auch beim Abstieg Augen und Ohren offenhalten. Zudem sollte man seine eigenen Tritte präzise und überlegt setzen, um keine Steine loszutreten. Im Schlauchkar können sich zudem noch recht lange Schneefelder halten. Man sollte sich daher im Vorhinein beim Hüttenwirt des Karwendelhauses erkundigen, ob es ohne weiteres begehbar ist.

Ist man auf dem Schlauchkarsattel angekommen, bietet es sich an, auch noch gleich die Birkkarspitze mitzunehmen, die mit 2749 m alle anderen Gipfel des Karwendels überthront. Stahlseilversichert und mit leichter Kletterei ist sie in etwa 15 Minuten vom Sattel zu erreichen. Aufgrund der Ausgesetztheit ist für die Besteigung absolute Schwindelfreiheit erforderlich. Etwas aufpassen muss man mitunter auf loses Geröll auf hartem Fels, um nicht auszurutschen oder einen Steinschlag loszutreten. So kam es kurz vor unserer Tour am Gipfelaufschwung zu einem Bergunglück mit tödlichem Ausgang, das uns ermahnte, wachsam zu sein und die notwendige Demut vor dem Berg mitzubringen. An sich stellt die Besteigung der Birkkarspitze aber technisch kein großes Problem dar.




Vom Schlauchkarsattel beginnt der lange, konditionell fordernde Abstieg ins wunderschöne Hinterautal. Zunächst geht es sehr steil und drahtseilversichert bergab. Nach der wirklich netten Felskraxelei kommt man wieder ins Geröll, das man streckenweise sehr angenehm abfahren kann. So macht Absteigen spaß! Obwohl man durch das Abfahren einige Höhenmeter quasi geschenkt kriegt, zieht sich der Abstieg ganz schön hin und geht auf Füße und Knie. Spürbar geschlaucht erreicht man die idyllische Kastenalm, an der man unbedingt rasten sollte! Absolut empfehlenswert ist das gemischte Brettl! Von der Kastenalm gilt es anschließend auf  breiten Wegen entlang des Lafatscher Baches umgeben von wunderschöner Landschaft zur Halleranger Alm aufzusteigen. Pures Genusswandern. Unser Ziel, die Halleranger Alm ist ein absolutes Highlight des Karwendels. Nette Wirtsleute, tolle Terrasse, tolle Aussicht, toller Sonnenuntergang und das beste Radler in den Alpen (vielleicht lag es auch nur an den 1500 hm Abstieg, aber ich glaube es schmeckt wirklich besser als anderswo).

Tag 5: Zu Pfeishütte (ca. 4h, 500 hm Aufstieg, 500 hm Abstieg)

Aus sportlichem Ehrgeiz hatte ich zwar Lust, noch mal zurück über den Schlauchkarsattel zu laufen, aber meine Tourenkollegen fanden die Idee nach den Strapazen des vorigen Tages nicht so witzig, so dass wir uns entschieden, die Pfeishütte anzusteuern, die etwa 4 h Gehzeit von der Halleranger Alm entfernt ist. Gestärkt durch Eier mit Speck geht zunächst hinauf zum Lafatscher Joch. Von dort auf dem Wilde-Bande-Steig (genialer Name!) zum Stempeljoch und von dort zur Pfeishütte. Auf dem Wilde-Bande-Steig sind wir auch im August noch auf Schneefelder gestoßen, die jedoch größtenteils  unproblematisch waren. Nur eines war leicht unangenehm, ließ sich aber ohne weiteres umgehen. Der Weg zum Stempeljoch wird noch mal recht steil und aufgrund des Gerölls unangenehm. Hier muss man streckenweise schon sehr aufpassen, keine Steine loszutreten. Später erleichtern befestigte Trittstufen den Aufstieg. Nach der Überschreitung des Karwendelhauptkamms sollte der Aufstieg zum Stempeljoch keine allzu große Hürde mehr darstellen. Vom Joch geht es unschwer zur schön gelegenen Pfeishütte, die mit Liegestühlen, Hängematten und wirklich tollem Essen (sehr gutes Wiener Schnitzel, hervorragender Kaiserschmarrn) zum Verweilen einlädt! Die Pfeishütte ist wirklich eine Top-Hütte, man sollte sie sich nicht entgehen lassen. Am Nachmittag habe wir noch ohne Gepäck einen Ausflug auf einen der umliegenden Gipfel gemacht.

Tag 6: Nach Scharnitz (4h, 1000 hm Abstieg)

Am letzten Tag der Tour geht es von der Pfeishütte nach Scharnitz. Der Weg ist relativ unspektakulär. Unmittelbar von der Pfeishütte kann man zunächst einen kleinen Steig nehmen und sich so für eine Weile die Schotterstraße sparen. Nach einiger Zeit lässt sich diese jedoch nicht mehr vermeiden. Highlight des Tages ist ein Barfussparcours samt Kneipbecken kurz vor Scharnitz. Sehr wohltuend für die geschundenen Füße! Die Abreise aus Scharnitz erfolgt mit der Bahn.

Erweiterung: Mittenwalder Höhenweg

Um die ganze Tour noch etwas zu verlängern, sind wir an Tag 6 noch mit der Bahn von Scharnitz nach Mittenwald gewechselt und haben dort übernachtet. Am Tag 7 bin ich dann mit einem Kumpel noch den Mittenwalder Höhenweg gegangen, einen leichten Klettersteig. Erfahrene Bergsteiger kommen hier wohl im Zweifel auch ohne Klettersteigset durch, aus Sicherheitsgründen ist es jedoch empfehlenswert, die volle Montur zu tragen. Man kann sich die Klettersteigausrüstung auch nach Mittenwald vorausschicken (z.B. an eine Packstation). Nach dem Mittenwalder Höhenweg kann man auf der Brunnsteinhütte übernachten, die mir persönlich aber zu Übernachtung nicht sonderlich gefallen hat. Sie ist eher auf Tagesgäste ausgelegt. Alternativ steigt man direkt wieder nach Mittenwald ab.

Ausrüstung für eine Hüttentour

Für die Tour braucht man die übliche Ausrüstung, wie auch für andere Hüttentouren. Im Internet finden sich diverse Packlisten. Wie auch sonst in den Bergen gilt auch hier: Weniger ist mehr. 10kg sollte der Rucksack all incl. nicht überschreiten. Wenn es für euch die erste Hüttentour sein sollte, kann ich nur dazu raten, bei der Ausrüstung nicht am falschen Ende zu sparen. Manche Ausrüstungsstücke sind wirklich absolute Essentials und werden so stark beansprucht, dass es sich bei ihnen ohne Einschränkung lohnt, auf Qualität zu setzen. Hierzu zähle ich Stiefel, Hardshell (unbedingt mit Membran!), eine robuste Berghose und einen guten Rucksack (ca. 40 l Volumen). Gute Marken sind bei Kleidung z.B. Haglöfs oder Patagonia. Bei Stiefeln habe ich z.B. mit Hanwag gute Erfahrungen gemacht. Bei Rucksäcken kann man mit Deuter nichts falsch machen. Eine gute Auswahl an hochwertigen Produkten gibt es bei meinem Partnershop Bergzeit.

Fazit

Die sechstägige Tour im Karwendel ist sowohl für ambitionierte Anfänger, die sich an die ersten schwarzen Bergwege heranwagen wollen, als auch für erfahrene Berggeher sehr spannend. Das Karwendel mit seiner Mischung aus verwunschenen Tälern und schroffen Gipfeln ist landschaftlich sehr reizvoll. Die Tourenwoche wurde durch schöne Hüttenabende auf urigen Hütten abgerundet.

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2 comments

  1. Das Karwendel ist wirklich eine schöne Ecke. Von der Pfeishütte kann man auch auf dem wirklich genialen Goetheweg Richtung Bergstation Hefelekar der Seilbahn (via Mühlkarspitze). Die Aussicht aufs Inntal ist unglaublich! Auch sehr zu empfehlen ist das Solsteinhaus – eine meiner Lieblingshütten – und der Freiungen-Höhenweg von dort zur Nördlinger Hütte.

    • Gute Tipps, Danke! 🙂 Auf die Pfeishüte wird es mich definitiv noch mal verschlagen, so dass ich mir den einen oder anderen Tipp von Dir sicher mal anschauen werde.

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